21.05.2026

Familie – tragende Säule der Gesellschaft im Wandel der Zeit

Was bedeutet Familie heute – und welches Narrativ braucht die Politik angesichts von Ideal und Wirklichkeit? Am 19. Mai 2026 lud der Campus Tivoli zu einer Abendveranstaltung, die den Auftakt einer längerfristigen Diskussion über den Wert „Familie” bildete. Die Soziologin und Familienforscherin Dr. Eva-Maria Schmidt, die Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie Barbara Haid sowie der wissenschaftliche Direktor des Österreichischen Instituts für Familienforschung Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Mazal diskutierten gemeinsam über Familienrealitäten, den Wert verlässlicher Beziehungen und die Frage, welches Narrativ die Politik braucht. Den Rahmen setzte Nationalratsabgeordnete Johanna Jachs, Familiensprecherin der ÖVP und Präsidentin des Österreichischen Familienbundes, mit einem klaren Gedanken: Familie sei eine Haltung – und diese Haltung gelte es nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Begeisterung zu vertreten.

campus-tivoli-events_familie-1

Die Realität österreichischer Familien – Wandel und ein stabiler Kern

Dr. Eva-Maria Schmidt eröffnete mit einem Befund, der dem verbreiteten Eindruck vom Rückzug der klassischen Familie widerspricht: Laut aktuellem Datenmaterial des Österreichischen Instituts für Familienforschung leben 81,7 Prozent der Kinder unter 15 Jahren in Österreich mit beiden leiblichen Elternteilen zusammen. Diese Zahl, so Schmidt, werde im öffentlichen Diskurs kaum wahrgenommen – zu Unrecht, denn sie zeige, dass das Kernfamilienmodell in der Realität weitaus lebendiger ist, als die öffentliche Debatte vermuten lässt. Gleichzeitig haben sich Familienformen und Lebensverläufe tatsächlich gewandelt: Familiengründung findet später statt, Familien sind kleiner geworden, familiale Verläufe dynamischer. Was die Wertvorstellungen betrifft, zeigt die European Values Study ein doppeltes Bild: Familie bleibt der mit Abstand wichtigste Lebensbereich für Menschen in Österreich – und doch orientieren sich viele nach wie vor am Ideal der bürgerlichen Kernfamilie, auch wenn die Zustimmung zu klassischen Familienbildern in den letzten Jahren zurückgegangen ist. Wandel und Orientierung am Ideal bestehen, so Schmidts Fazit, nebeneinander.

Familie als Ort verlässlicher Beziehungen

Barbara Haid rückte die psychologische Dimension in den Mittelpunkt. In einer Gesellschaft, die von Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung geprägt ist, werde es problematisch, wenn diese Werte zur alleinigen Leitkategorie des Lebens werden. Familie könne dagegen ein Raum sein, in dem Menschen erfahren: gewollt zu sein, bevor sie etwas leisten; gehalten zu werden, auch wenn sie scheitern; und sein zu dürfen, nicht nur zu funktionieren. Den entscheidenden Perspektivenwechsel formulierte Haid so: Die Frage dürfe nicht lauten „Was bringt mir diese Beziehung?”, sondern: „Wie bleibe ich in Beziehung, auch dann, wenn es schwierig ist?” Psychische Stabilität entstehe nicht durch permanente Optimierung, sondern durch verlässliche Bindungen. Aus der psychotherapeutischen Praxis berichtete Haid zudem von einer zunehmenden Tendenz, Kinder als „Projekt” zu behandeln – mit der Folge steigender Angststörungen und Versagensängste. Ihre Botschaft war klar: Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern emotional verfügbare – und der entlastendste Satz in der Therapie sei oft schlicht: „Ihr seid gut genug.”

Familie als Lernort – das gesellschaftliche Interesse des Staates

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Mazal verknüpfte die vorangegangenen Impulse mit einer rechts- und gesellschaftspolitischen Perspektive. Der Staat, so Mazal, habe ein eminentes Interesse an Familie – nicht als sentimentalen Wert, sondern als gesellschaftliche Grundstruktur, die Dinge ermöglicht, die er selbst nicht leisten kann. Familie sei ein umfassender Lernort: von Liebe und Verantwortung, von Bindung und Verlässlichkeit, von Individualität und Sozialität – im Guten wie im Schlechten. Diese Grundmuster menschlicher Erfahrung könne kein staatliches Betreuungsangebot ersetzen. Für die politische Kommunikation formulierte Mazal ein klares Programm: Die Politik solle das Ideal klar benennen und die Realität wertschätzend begleiten – ohne zu moralisieren, ohne zu beschwichtigen. Wer scheitert, soll Unterstützung erfahren; das Ideal müsse dennoch als Orientierungspunkt bestehen bleiben.

Lebhafte Diskussion mit dem Publikum

Die anschließende Diskussion zeigte das breite gesellschaftliche Interesse am Thema. Es wurde auf die Stigmatisierung von Kindern aus Alleinerzieherfamilien hingewiesen – Haid plädierte für Entstigmatisierung und niederschwellige Gesprächsangebote. Diskutiert wurde auch die Rolle sozialer Medien und die wachsende Spaltung zwischen jungen Männern und Frauen durch algorithmisch verstärkte Extrempositionen. Johanna Jachs plädierte für ein Mindestalter von 14 Jahren für soziale Medien; Dr. Schmidt ergänzte, dass der gesellschaftliche Rechtfertigungsdruck bei Lebensentscheidungen junge Menschen erheblich belaste.

Auftakt zu einer längerfristigen Diskussion

Referentin des Campus Tivoli Laura Farley schloss die Veranstaltung mit dem Hinweis, dass die Ergebnisse des Abends in die Thinktank-Arbeit des Campus Tivoli einfließen – als Auftakt zu einer längerfristigen Auseinandersetzung mit dem Wert der Familie. Der Abend machte deutlich: Familie ist kein rückwärtsgewandtes Thema, sondern ein drängendes. Was es braucht, ist eine Politik, die weder belehrt noch beschwichtigt, sondern das Ideal klar benennt, die Realität begleitet – und den Menschen, in welcher Lebenssituation sie sich auch befinden, Mut macht.

campus-tivoli-events_familie-2
campus-tivoli-events_familie-3
campus-tivoli-events_familie-4
campus-tivoli-events_familie-5
campus-tivoli-events_familie-6
campus-tivoli-events_familie-7

Weitere Artikel

campus-tivoli-events-bildung-osten

20.05.2026 Events

Bildung mit Anspruch: Was Europa von Konfuzius lernen kann

Was bedeutet Bildung wirklich – und was ist von ihr übrig geblieben? Am 11. Mai 2026 lud der Campus Tivoli…

24F84B_1

26.03.2026 Events

Austrian Lectures #1

Der Historiker Andreas Rödder skizzierte bei den Austrian Lectures am Campus Tivoli die aktuellen Herausforderungen und Zukunftsperspektiven bürgerlicher Politik.