20.05.2026

Bildung mit Anspruch: Was Europa von Konfuzius lernen kann

Was bedeutet Bildung wirklich – und was ist von ihr übrig geblieben? Am 11. Mai 2026 lud der Campus Tivoli zu einem besonderen Gesprächsabend ins Springer Schlössl: Dr. Manfred Osten, Autor, Jurist, Kulturhistoriker und ehemaliger Diplomat, sprach über den Anspruch, den Bildung an Kinder, Eltern und Gesellschaft stellen muss. Die Fragen stellte Leo Lugmayr, Bildungsexperte, ehemaliger Lehrer und Schuldirektor sowie langjähriger Leiter der Demokratiewerkstatt des Österreichischen Parlaments. Unter den aufmerksamen Zuhörerinnen und Zuhörern befanden sich Präsident des Campus Tivoli Wolfgang Sobotka, Sektionsleiter im Bildungsministerium Martin Netzer sowie ÖPU-Vorsitzende Eva Guserle.

campus-tivoli-events-bildung-osten

Sprache als Fundament des Menschseins

Den Einstieg in das Gespräch markierte ein Zitat Wilhelm von Humboldts: „Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache.” Dr. Manfred Osten verknüpfte diesen klassischen Gedanken mit einer beunruhigenden Gegenwartsbeschreibung: Sekundärer Analphabetismus sei unter Jugendlichen heute keineswegs selten – ein Befund, der das strukturelle Versagen des Bildungssystems im deutschsprachigen Raum schonungslos offenlege. Bildungseinrichtungen, so Osten, erfüllten zunehmend nicht mehr ihre Grundaufgabe. Nach dem Kindergarten fehle vielen Kindern die Anschlussfähigkeit an die Volksschule; beim Übergang in die Sekundarstufe I wiederhole sich dasselbe Muster. Was dabei verloren gegangen sei, sei die Bereitschaft zum Üben und zur Anstrengung – die Askese im ursprünglichen, griechischen Sinne: geduldiges, beharrliches Einüben. Vereinzelt lebe diese Haltung noch in Sport und musischen Fächern weiter.

Der Blick nach Osten: Chi Ku als Bildungsideal

Vor diesem Hintergrund lenkte Dr. Manfred Osten den Blick auf einen aufschlussreichen Kontrast: Während die PISA-Ergebnisse europäischer Länder seit Jahren rückläufig sind, hält China an einer tief verwurzelten kulturellen Bildungshaltung fest. Das chinesische Ideogramm chi ku – auf den Konfuzianismus zurückgehend – bringt dieses Ideal auf den Punkt: die Bereitschaft, „Bitteres zu essen”, also Anstrengung als charakterbildende Kraft zu begreifen. Wer hohe Ziele verfolge und sich der damit verbundenen „Vertikalspannung” aussetze, wachse daran. Diese Haltung, so Osten, sei kein kulturelles Relikt, sondern ein ernstzunehmendes Modell – auch für Europa.

Die ersten Jahre entscheiden

Wiederholt kam Dr. Manfred Osten auf die zentrale Bedeutung der frühen Kindheit zu sprechen. Mit einem Goethe-Zitat brachte er es auf den Punkt: „Man könnt’ erzogene Kinder gebären, wenn die Eltern erzogen wären.” Die Plastizität des Gehirns in den ersten Lebensjahren mache das Elternhaus zum entscheidenden Ort, an dem der Grundstein für Begeisterungsfähigkeit, Selbstwert und Lernhunger gelegt werde. Was mit echtem Interesse aufgenommen werde, so Osten, sei dauerhafter im Gedächtnis verankert. Diese Erkenntnis sei eine Chance – insbesondere für die Ausbildung von Elementarpädagoginnen und -pädagogen, die in dieser Phase eine Schlüsselrolle übernehmen.

Wenn der Antrieb fehlt

Umso beunruhigender wirkte eine Zahl, die der Kulturhistoriker anführte: 30 Prozent der Jugendlichen verspürten heute keinen Antrieb mehr, auf Ziele hinzuarbeiten. Aus dem Publikum kam dazu eine erhellende Ergänzung: Das klassische Narrativ – sich in der Schule anzustrengen, um später im Leben reüssieren zu können – sei für die heutige Generation nicht mehr glaubwürdig. Die Diskussion, die sich daraus entwickelte, zeigte, wie sehr das Thema die Anwesenden bewegte und wie viele Perspektiven es auf die Frage gibt, was Bildung heute motivieren kann und soll.

Ein Lob für Österreich – und ein klares Anliegen

Auf das österreichische Bildungssystem direkt angesprochen, hob Dr. Manfred Osten abschließend das breit aufgestellte Angebot an ästhetischer Erziehung hierzulande als bemerkenswert und als echten Gewinn hervor. Veranstaltungen wie dieser Gesprächsabend bringen zum Ausdruck, was dem Campus Tivoli ein erklärtes Anliegen ist: Bildung und Erziehung in ihrer ganzen Tiefe zu denken – und dabei den Blick bewusst auch auf andere Kulturen und ihre Errungenschaften zu richten.

Weitere Artikel

24F84B_1

26.03.2026 Events

Austrian Lectures #1

Der Historiker Andreas Rödder skizzierte bei den Austrian Lectures am Campus Tivoli die aktuellen Herausforderungen und Zukunftsperspektiven bürgerlicher Politik.

Bundeskanzler Stocker

10.03.2026 Events

Live-Podcast mit Bundeskanzler Christian Stocker

Am 10. März ging unsere Gesprächsreihe „Für uns in der Regierung. Mit uns im Gespräch.“ in die nächste Runde. Zu…