07.07.2026
Trotzdem: Happy Birthday, USA!
250 Jahre nach der am 4. Juli 1776 unterzeichneten, viel gerühmten Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten ist es in unseren Breiten um die Reputation der USA mehr als schlecht bestellt. Amerika-Bashing ist längst kein Monopol der antikapitalistischen Linken mehr, sondern zum guten Ton auch bürgerlicher Milieus
geworden. Wer heute privat in die Vereinigten Staaten reist – wie ich es Ende Mai gemacht habe und das Land großartig fand –, erntet nicht nur Stirnrunzeln, sondern entrüstete Kritik. Wie kann man nur.
Ja, es stimmt natürlich: Der amtierende US-Präsident agiert als Dealmaker, oft sprunghaft und ohne erkennbare Strategie. Und seine Interpretation der Fakten ist bisweilen atemberaubend. „Bullshitten” hat der amerikanische Moralphilosoph Harry G. Frankfurt die vollkommene Indifferenz gegenüber der Wirklichkeit genannt – eine Haltung, die Trump befeuert und die längst auch europäische Populisten von rechts wie links zu ihrem Kommunikationsmodell gemacht haben. Tatsache ist freilich auch, dass die jüngsten Präsidenten der Geschichte der USA kaum mehr an Figuren wie John F. Kennedy oder Ronald Reagan anknüpfen konnten. Die 250-jährige Geschichte des Landes war stets eine des Auf und Ab.
Und trotzdem: Die freie Welt bleibt im Westen daheim. Und sicher nicht in China oder in Russland. Die Gleichsetzung der US-Administration mit der russischen oder der chinesischen Führung verbietet sich schlichtweg. Sie ist so ahistorisch wie realitätsfern. Im globalen Wettbewerb der Ordnungssysteme ist das amerikanische Modell mit Blick auf die Werte der Freiheit und Demokratie weit überlegen. Das staatskapitalistische China kennt weder Freiheit noch Demokratie – hat aber klare Ambitionen, der Welt seinen politischen Stempel aufzudrücken. Wenn Xi Jinping die USA auffordert, die Thukydides-Falle zu vermeiden – gemeint ist, dass die Angst einer herrschenden Großmacht vor dem Aufstieg einer anderen unweigerlich zu Krieg und Zerstörung führt –, dann ist das wohl eher als Aufforderung zu verstehen, den globalen Führungsanspruch Chinas ohne Gegenwehr hinzunehmen.
Man muss kein notorischer Transatlantiker sein, um klar zu sagen: Das darf nie der Fall sein. Die Vereinigten Staaten werden weiter in vielen Bereichen Vorbild und Wertereferenz für uns sein – und auch sein müssen. Vor allem, wenn es darum geht, persönliche und wirtschaftliche Freiheit zu stärken, der Innovationskraft von
Menschen und Unternehmen freie Bahn zu lassen und an die Chancen der Zukunft zu glauben. Das „System Amerika” lässt sich nicht unterkriegen. Auch nicht vom amtierenden Präsidenten, der die USA gerade – Stichwort Iran – weltpolitisch eher schwächt als stärkt. Außenpolitische Fehlgriffe sind aber natürlich keine Erfindung dieser Administration – man denke nur an den Umgang Barack Obamas mit dem Arabischen Frühling. Dass Europa umso mehr seine sicherheits- und innovationspolitischen Hausaufgaben machen muss, steht auf einem anderen Blatt. Schon Obama hat den Kontinent ermahnt, seine Verteidigungsfähigkeit zu stärken. Eine weitere Schlüsselherausforderung liegt auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz. Zu Amerikas Führungsanspruch in diesem Bereich muss man gratulieren – Europa aber sollte er umso mehr anspornen, gemeinsame Initiativen auf den Weg zu bringen. Ein europäischer Wirtschaftraum, der selbst Führungsanspruch erhebt, braucht natürlich auch eine eigene Sicherheitsarchitektur, die diesen Anspruch untermauert.
In diesem Sinn gilt trotz aller Herausforderungen: Happy Birthday, USA – auf die nächsten 250 Jahre!