20.01.2026

Thorsten Bognermayr

Schulleiter

Geringe Durchlässigkeit der Bildungswege

Das österreichische Schulsystem ist stark segmentiert. Einmal eingeschlagene Bildungswege sind nur eingeschränkt durchlässig, was spätere Kurskorrekturen erschwert oder mit erheblichen Nachteilen verbindet. Bildungsentscheidungen werden dadurch früh verfestigt, obwohl viele Jugendliche zu diesem Zeitpunkt ihre Interessen und Fähigkeiten noch nicht ausreichend kennen.

Fachkräftemangel und Akademisierungsdruck

Österreich steht vor einem akuten Mangel an qualifizierten Facharbeiter:innen. Gleichzeitig herrscht ein gesellschaftlicher und politischer Fokus auf akademische Bildungswege. Vielen Erziehungsberechtigten und Jugendlichen erscheint ein Studium als grundsätzlich vorteilhafter, unabhängig von individuellen Neigungen oder arbeitsmarktpolitischen Erfordernissen.

Fehlende Zielorientierung

Ein erheblicher Teil der Jugendlichen absolviert Bildungswege ohne klares berufliches Ziel. Besonders an berufsbildenden höheren Schulen ist häufig die Haltung anzutreffen: „Zuerst mache ich die Matura, danach studiere ich.“ Das konkrete Studien- oder Berufsziel bleibt dabei oft unklar. Diese Zieloffenheit führt häufig zu Frustration, Motivationsverlust und Leistungsabfall – sowohl während der Schulzeit als auch in späteren Ausbildungsphasen.

Verbindliche und hochwertige Berufsorientierung

Alle jungen Menschen sollen Zugang zu einer fundierten Berufsorientierung erhalten. Für mich zeigen die positiven Erfahrungen an den Polytechnischen Schulen, dass eine praxisnahe, zielgerichtete Auseinandersetzung mit beruflichen Möglichkeiten zu höherer Motivation und klareren Bildungsentscheidungen führt. Das verpflichtende neunte Schuljahr, das in den 1970er-Jahren eingeführt wurde, muss konsequent für alle umgesetzt werden. Dieses Schuljahr soll als echtes Berufsorientierungsjahr ausgestaltet sein und folgende Elemente enthalten:

  • Systematische Berufs- und Bildungsberatung,
  • Verpflichtende Praktika in unterschiedlichen Berufsfeldern,
  • Im zweiten Semester eine berufsgrundbildende Ausbildung als Vorbereitung auf Lehre oder weiterführende Fachausbildungen.

Stärkung der beruflichen Bildung und frühe Arbeitsmarktintegration

Berufliche Bildung ist gleichwertig zur akademischen Bildung anzuerkennen. Durchlässigkeit und lebenslanges Lernen sind zentrale Prinzipien.

Digitale und technologische Grundbildung

Die Schulstufen fünf bis acht sind gezielt dafür zu nutzen, allen Schüler:innen eine solide Grundbildung im digitalen Bereich zu vermitteln. Dazu zählen insbesondere:

  • Grundlegende IT-Kompetenzen,
  • Verständnis für Künstliche Intelligenz,
  • Sicherer Umgang mit gängiger Software,
  • Förderung von Medienkompetenz und kritischem Denken.

Auswirkungen

  • Frühere Arbeitsmarktintegration,
  • Längere Beitragszeiten stabilisieren die sozialen Sicherungssysteme,
  • Reduktion von Ausbildungsabbrüchen und Fehlqualifikationen.

Schlussfolgerung

Schule 2035 muss Orientierung geben, Durchlässigkeit ermöglichen und Verantwortung für die Gesamtgesellschaft übernehmen.

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