20.01.2026
HS.-Prof. Priv.-Doz. Mag. Dr. Roland Bernhard
Hochschulprofessor für Schulentwicklung & Leadership
Um die zahlreichen Herausforderungen heutiger und zukünftiger Bildung zu bewältigen – psychische Probleme unter Jungen, Verlust gemeinsamer Werte, steigender Einfluss extremistischer Online-Kulturen, Rückgang sozialer Kompetenzen sowie die ethischen Fragen im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung – kommt es derzeit in vielen Ländern zu einer Neuentdeckung der schulischen Persönlichkeitsbildung. Grundlage dieser weltweiten Hinwendung sind Forschungen zur neoaristotelischen Tugendethik sowie Erkenntnisse der Positiven Psychologie über Charakterstärken und gelingendes Leben. Im deutschsprachigen Raum ist diese Entwicklung noch kaum angekommen und der bildungswissenschaftliche Diskurs dazu ist stark unterbelichtet.
Österreich braucht Persönlichkeitsbildung, nicht nur um junge Menschen, sondern auch um unsere Demokratie zu stärken. Wenn ein Jugendlicher vor dem Computer sitzt, einen Shitstorm gegen eine Person des öffentlichen Lebens oder Cyber-Mobbing gegen eine Mitschülerin beobachtet, dann gibt es in der Anonymität des Internets nur eine Instanz, die darüber entscheidet, ob er dabei mitmacht – und das ist sein Charakter. Diesen kann man, so zeigen zahlreiche empirische Studien, erfolgreich in Schulen entwickeln, was nicht nur zu einer besseren Schulkultur und mehr kooperativem Verhalten, sondern sogar zu verbesserten Leistungen bei standardisierten Tests führt. Noch wichtiger: Studien aus der Positiven Psychologie zeigen eindrucksvoll, dass Charakterstärken wie Ehrlichkeit, Selbstregulierung, Mitgefühl, etc. mit psychischer Gesundheit, Lebensqualität und Erfolg im Beruf und privaten Leben korrelieren.
Warum also, so stellt sich die Frage, behandeln wir diese Themen nicht explizit und systematisch im Unterricht? Forschungen mit Lehrkräften und Eltern in Österreich zeigen deutlich, dass beide Gruppen eine stärkere Verankerung von Persönlichkeitsbildung in der Schule befürworten. Da die OECD derzeit Flourishing – also das gelingende Leben – als Ziel von Bildung positioniert und plant, bereits 2029 entsprechende Indikatoren in die PISA-Studien aufzunehmen, ist jetzt der optimale Zeitpunkt, auch in Österreich zu handeln.
Daraus ergeben sich folgende Handlungsempfehlungen:
- Förderung von gezielten Forschungsprojekten zur theoretischen Modellierung von Persönlichkeitsbildung in Österreich.
- Ausarbeitung einer unideologischen, neoaristotelischen und auf allgemein anerkannten Charakterstärken beruhenden Persönlichkeitsbildung als zentrales Ziel schulischer Bildung in nationalen Bildungsstrategien.
- Systematische Verankerung von Persönlichkeitsentwicklung und Persönlichkeitsbildung in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften – insbesondere auch von charakterbasierten Leadership-Ansätzen.
- Berücksichtigung des engen Zusammenhangs von Persönlichkeitsbildung und psychischer Gesundheit (z. B. Emotionsregulierung, Resilienz, Selbstwirksamkeit) sowie stärkere Positionierung dieser Themen im öffentlichen und medialen Diskurs.