20.01.2026
Mag. Dr. Martin Peter
Philosoph und Pädagoge, tätig als Trainer, Coach und Mediator in der Unternehmensberatung
Stärken stärken – ein Beitrag zur „Bildung 2030“
Wenn Hegels Diktum von der Weltgeschichte als Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit auf pädagogische Anliegen übertragbar ist, dann in dem Sinn, dass Bildung, hier immer verstanden als Einheit von Erziehung und Unterrichtung, wohl immer die individuellen Voraussetzungen der zu Bildenden im Auge haben muss, um deren von Autonomie getragene Entwicklung zu ermöglichen und zu fördern.
Das Konzept der Begabungsförderung, das die Stärken jedes Einzelnen ins Zentrum pädagogischer Arbeit stellt, zielt darauf ab, Menschen zu unterstützen, ihre Potenziale in bestmöglicher Hinsicht zu verwirklichen. Diese Potenziale sind allerdings individuell unterschiedlich verteilt, sodass jeder Mensch „individuell begabt“ ist. Begabungen sind zunächst „schlummernde“ Potenziale, die erst gefunden und dann realisiert werden müssen. Dies zu leisten, ist Aufgabe aller an der Bildung der Heranwachsenden Beteiligten, sowohl im familiären als auch im professionellen Bildungsumfeld, von der Elementarpädagogik über Schulpädagogik bis hin zur tertiären Bildung und dem lebensbegleitenden Lernen in der Erwachsenenbildung.
Von diesen Voraussetzungen her lassen sich folgende Grundsätze für eine zukünftige schulische Bildungslandschaft ableiten:
- Im Vordergrund aller Bildungsbemühungen muss der Grundsatz des „Stärken stärken“ stehen. Im Vergleich zur derzeitigen Situation bedeutet dies eine Abkehr von kompensatorisch ausgerichteten Vorgehensweisen, bei denen die Einhegung von Schwächen dominiert.
- Da die Stärken der Heranwachsenden individuell unterschiedlich verteilt sind, muss es gelingen, diese Vielfalt zu entdecken und zu fördern, sowohl was Inhalte („Schulfächer“) als auch was deren didaktische Vermittlung betrifft, geleitet vom Prinzip einer inneren Differenzierung. Dabei sollen vor allem Kreativität und Innovation einen besonderen Stellenwert bekommen. All dies bedeutet die Abkehr von am Durchschnitt ausgerichteten Curricula bzw. pädagogisch-didaktischen Konzepten.
- Um diese pädagogisch-didaktischen Grundsätze umsetzen zu können, bedarf es einer Schulorganisation, in der die lokalen Schulstandorte die entscheidenden Akteure sind. Nur sie sind in der Lage, die individuellen Begabungen ihrer Schülerinnen und Schüler zu erkennen und in weiterer Folge zu fördern. Nur sie sind in der Lage, eine entsprechend begabungsfreundliche Schulkultur zu schaffen und diese in das jeweilige gesellschaftliche Umfeld zu integrieren. Dazu braucht es eine Abkehr von zentralisierten Schulbürokratien und die Hinwendung zu Möglichkeiten einer autonomen Schulentwicklung für die Standorte. Der stärkenorientierte Ansatz ist ein integrativer Zugang zu schulischer Bildung, der von der Integration von SchülerInnen mit besonderen Bedürfnissen im Sinne von körperlichen, psychischen oder sozialen Handicaps bis hin zur Integration von „Hochbegabten“ im Sinne der Exzellenzförderung reicht.