20.01.2026
BM a.D. Univ.-Prof. i.R. Dr. Heinz Faßmann
Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Ob Fußball, Kindererziehung oder Verkehrsplanung: Es gibt Bereiche, die in Österreich weit über die Fachcommunity diskutiert werden. Auch unser Bildungssystem gehört dazu. Wie die Aufstellung des Nationalteams werden auch Lehrpläne, Zentralmatura oder Deutschförderklassen breit diskutiert. Das ist manchmal mühsam, zeigt aber, dass das Thema Bildung vielen am Herzen liegt und politisch wichtig ist.
Viele Beiträge meinen: Wir müssten im Bildungssystem nur einen Schalter umlegen, und damit wären die Probleme in der Schule gelöst. DIE Bildungsreform soll es richten: Unsere Schüler:innen besser auf Hochschule, Lehre oder das „Leben“ vorbereiten und gesellschaftliche Probleme lösen – von Adipositas bis Arbeitslosigkeit.
Der Schalter ist eine Illusion, den Big Bang gibt es nicht. Geduld und Ausdauer sind für eine perspektivische und inkrementelle Weiterentwicklung des Bestehenden notwendig. Das System ist zu komplex, Lehrkräfte, Schüler:innen, Eltern und deren Interessensvertretungen sowie Bund, Länder und Gemeinden sind betroffen. Hinter den lauten Debatten stehen echte Herausforderungen, an denen alle Player gemeinsam arbeiten müssen.
Punkte der Weiterentwicklung ohne Priorisierung und politische Gewichtung:
- Vorgaben: Was die Politik den Lehrkräften vorschreibt, sollte so knapp wie möglich sein. Standards müssen einheitlich sein und erfüllt werden. Wie der Weg dorthin beschritten wird, liegt im Ermessen der Lehrkräfte und der Schulleitungen.
- Schulleitungen: Der Erfolg eines Standorts und dessen Schüler:innen sowie das Schulklima hängen von den Schulleitungen vor Ort ab. Die Leitungen müssen aufgewertet, entsprechend ausgebildet und bezahlt werden. Sie sind die „CEOs“ ihrer Standorte.
- Kontinuität: Angestoßene Reformen wie die Sommerschule und die Deutschförderklassen werden derzeit weiterentwickelt, anstatt sie abzuschaffen. Das ist zu begrüßen, denn nichts schadet dem Bildungssystem mehr als eine Zick-Zack-Politik, die ausschließlich neuen politischen Verhältnissen nach Wahlen geschuldet ist.
- Integrationsaufgaben: Sprachförderung vor allem in den unteren Klassen sind wichtige Bausteine für den schulischen Erfolg von Zugewanderten. Bei den Älteren steht die Vermittlung einer liberalen Demokratie mit Rechtsstaatlichkeit, Gendergleichheit und staatliche Säkularität im Vordergrund.
- Bund-Land Aufgaben: es spricht viel für die Vorgaben bei Standards, Lehrplänen, Dienstrecht und Budgetierung durch den Bund. Planung, Errichtung und Sanierung der schulisch genützten Gebäude sowie die Definition der schulischen Vielfalt (inklusive Nachmittagsbetreuung) in den Bildungsregionen sollten durch die Länder erfolgen, die geografisch nahe am Geschehen sind.
- Das Wichtigste: wer seine Kinder einmal im Ausland zur Schule geschickt hat, kann es bestätigen: wir haben ein gutes Schulsystem, mit viel Engagement und Kompetenz. Mehr Selbstbewusstsein und einen Teamgeist wie er in der Nationalmannschaft herrscht – das wünsche ich unserem Bildungssystem.