20.01.2026
MMag. Gottfried Zawichowski
Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Departments für Kunst- und Kulturwissenschaften an der Universität für Weiterbildung, Krems
Schulzeit ist der Hebel
Es gibt nur eine Institution in einem Staat, durch die ALLE Menschen durchgehen: die Schule. In die Schule müssen alle – Inländer, Ausländer, egal welcher Gesellschaftsschicht und egal aus welchen ökonomischen Möglichkeiten kommend. Zur Schule geht man in Österreich (nur) an etwa 190 Tagen pro Jahr – der Rest ist unterrichtsfreie Zeit.
Bis etwa zum Jahr 2000 fand in Österreich der Unterricht an 6 Tagen pro Woche statt. Mit einer Kürzung über sämtliche Schulstufen ergab sich die Möglichkeit, die Stundenpläne so zu verdichten, dass die Fünftagewoche eingeführt werden konnte. Zusätzlich kam es 2020 zur flächendeckenden Einführung von Herbstferien. Schulautonome Tage und die kirchlichen Feiertage im Frühjahr boten sich zur Abhaltung von „Kurzferien“ an.
Unsere Kinder bekommen immer weniger Unterrichtszeit geboten. Und unsere Lehrer haben in immer weniger Zeit einen Job zu leisten. Weniger Zeit in der Schule bedeutet: Die Stundenpläne und Unterrichtseinheiten werden vollgestopft. Kaum mehr bleibt Zeit für Dinge, die eben Zeit brauchen – ob das jetzt die Entwicklung von Sprachkompetenz ist oder der Schulchor, ob die tägliche Turnstunde oder das Inszenieren eines Theaterstückes.
Wie die verlorene Zeit zurückgewinnen? Sommerferien kürzen? Schulautonome Tage abschaffen? Herbstferien canceln? Projektwochen, Sportwochen streichen? Die 6-Tage-Woche wieder einführen? Angesichts der gesellschaftlichen Stimmung mit Hang zum Konsum und politischem Überlebensdrang wahrscheinlich nicht durchsetzbar.
Im aktuellen Schultermin-Stress ächzen alle: Eltern (Kinderbetreuung an den freien Tagen…!), Lehrer (zu wenig Zeit), Schüler (Stress-Phasen, dann wieder tagelang nichts…).
Die Lösung liegt auf der Hand und ist in großen Teilen der Welt längst selbstverständlich. Die Ganztagsschule.
Ich selbst habe es an einer Highschool in Chicago erlebt: Alle kommen um 9.00 Uhr, haben 4-5 Stunden Unterricht, bekommen ein warmes Mittagessen, haben neuerlich 4-5 Stunden und gehen um 16.00 wieder nach Hause. Aktivitäten, die bei uns außerschulisch sind (Sport, Musik…) sind in den Schulalltag integriert.
Ja – aber: woher die dann so zahlreich notwendigen zusätzlichen Lehrer nehmen? Dass die „PädagogInnenbildung Neu“ vor 10 Jahren gescheitert ist, beweist die nun geplante Reform der Reform. Der Praxisbezug soll erhöht werden – dies impliziert das Eingeständnis, dass man die „Lehrpraxis“ sträflich vernachlässigt hat. Hier muss der Hebel angesetzt werden: wir brauchen gute, gut ausgebildete Lehrer. Eine „Vertheoretisierung“ der Lehrerausbildung geht an der Praxis vorbei und macht zudem diesen Beruf unattraktiv.
Es sind Lehrerpersönlichkeiten, die uns für Lebensentscheidungen geprägt haben. Und eine Gesellschaft wird durch ihr Schulsystem geprägt. Und daraus folgt: die LEHRER sind der Hebel für eine zukünftige funktionierende Gesellschaft. In ihrer Hand liegt die Zukunft: unsere Kinder.
Wir brauchen gute Lehrer „mit Herz“. Und eine gute Lehrerausbildung „mit Augenmaß“!