20.01.2026
Dr. Georg Platzer
AHS-Lehrer und Schulbuchautor
Wenn Schule sich neu erfinden muss
Unübersehbar vollzieht sich in den Klassenzimmern des Landes eine beachtenswerte Revolution. Die künstliche Intelligenz ist endgültig im schulischen Alltag angekommen und beginnt bereits, ihn nachhaltig zu verändern. Es handelt sich um eine Umwälzung, die all das betreffen kann, was Unterricht bisher fundamental geprägt hat: Wissensaneignung, Erkenntnisgewinn, Textproduktion, Urteilsbildung und Leistungsüberprüfung geraten durch die KI in eine grundlegende Neubestimmung.
Die Frage, die sich mit Blick auf diese rasanten Entwicklungen abzeichnet, betrifft das Fundament schulischer Bildung: Welche kognitiven Kernleistungen sollen Schülerinnen und Schüler auch im Zeitalter allgegenwärtiger KI eigenständig erbringen und verantworten? Es lohnt hierbei, dort anzusetzen, wo die KI besonders effizient arbeitet: beim Schreiben und Lesen. Dass gegenwärtig KI-bedingt anders gelesen und geschrieben wird als noch vor wenigen Jahrzehnten, erscheint zunächst als Entlastung. Eine Analogie ist schnell bei der Hand: So wie der Taschenrechner mathematische Operationen erleichtert, übernimmt die Sprachmaschine das Formulieren. Doch der Unterschied ist wesentlich. Mathematik ist ein formales System, das wir anwenden. Sprache hingegen ist das Medium, in dem wir denken und uns verständigen. Wenn das Schreiben zunehmend ausgelagert wird, bleibt das nicht folgenlos. Schreiben ist nicht bloß ein Instrument, sondern auch ein Akt des Hervorbringens neuer Gedanken. Wie beim Sprechen verfertigen sich diese Stück für Stück. Schreiben bedeutet, zu ordnen, zu gewichten und zu präzisieren – und das schult jene kognitiven Fähigkeiten, die für komplexes Verstehen zentral sind. Ähnliches gilt für das Argumentieren und das Interpretieren von Texten: Werden Begründungen und Deutungen nicht selbst entwickelt, sondern erzeugt, ist das Ergebnis eine bloße Simulation von Verstehen.
Wenn nun eine Neuausrichtung der Schule diskutiert wird, könnte man bewusst Akzente setzen, die auf den Erhalt von Grundlegendem abzielen. Das kann gelingen, wenn sich die Schulen klar zum Einsatz digitaler Hilfsmittel positionieren und festlegen, wo sie keinen Platz haben dürfen. Der einsatzbereite Laptop im Unterricht gilt dabei als größte Versuchung. Es bräuchte auch eine Anpassung von Prüfungsformaten – hin zu Gesprächen, die das eigene Denken sichtbar machen. Das gemeinsame Lesen auch umfangreicherer Texte könnte helfen, sich intensiver mit Inhalten zu befassen und die Aufmerksamkeit über längere Zeit zu halten. Auch die Hausübung müsste in ihrer bisherigen Praxis eingeschränkt werden – vor allem dort, wo sie bloße Ergebnisprodukte einfordert, statt Verständnis sichtbar zu machen. Keine Missverständnisse: Die Fähigkeit zum kompetenten Umgang mit digitalen Werkzeugen ist unabdingbar – es wird aber darauf ankommen, dass Formen des Lernens erhalten bleiben, die das eigenständige Denken ermöglichen.
Als Gastkommentar in der Tageszeitung „Die Presse“ am 30.4. erschienen.