20.01.2026
Dr. Christian Schacherreiter
Germanist, Autor, Literaturkritiker
- Die seit Jahrzehnten geführte Diskussion über die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen sollte man einfrieren, weil sie fruchtlos ist. In absehbarer Zeit ist dafür keine parlamentarische Mehrheit zu gewinnen. Wesentlicher als diese „Systemfrage“ erscheint mir ohnedies, auf die „Durchlässigkeit“ zu achten, die im bestehenden System gegeben ist, aber vielleicht kann man sie in der praktischen Realisierung noch verbessern.
- Will man etwas für Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen tun, dann gibt es für die Schule nur drei Antworten: 1. Spracherwerb, 2. Spracherwerb, 3. Spracherwerb.
- Schule kann nicht jedes Problem lösen, das in der Gesellschaft auftaucht, schon gar nicht kurzfristig. Allgemeine Bildungs- und Lehraufgaben sollen kein Sammelbecken für alles und jedes sein, auch nicht für eine Fülle an „Kompetenzen“. Überfrachtet sind die allgemeinen Bildungsaufgaben, nicht die fachspezifischen Lehrpläne.
- Zweifellos ist der souveräne Umgang mit digitaler Technik ein obligatorisches Bildungsziel. Dadurch werden aber „ältere“ Bildungsinhalte nicht automatisch entwertet. „Zukunftsfit für das 21. Jahrhundert“ ist eine inhaltsleere Metapher. Niemand kann jetzt sagen, was im Laufe dieses Jahrhunderts noch alles gebraucht werden wird.
- Dass Technologie und Wirtschaft prominente Plätze im Bildungsdiskurs haben, ist teilweise gerechtfertigt. Aber – ich zitiere Peter Sloterdijk – „die Entdeckung der Arbeit und die Logik der Produktion, so fundamental sie sind, liefern keinen Generalschlüssel zu allen Fragen der Existenz, des Bewusstseins, der Wahrheit und des Wissens.“ Ein humanistisches Menschenbild erschöpft sich nicht in den Kategorien Zweckmäßigkeit und Unterhaltung. Kulturhistorische, literarische, musikalische und künstlerische Bildung zu vernachlässigen, ist ein Verlust an Humanität.
- Worauf soll sich das so oft vermisste europäische Bewusstsein stützen, wenn nicht auf Tradition, und dafür gibt es drei kulturhistorische Fundamente, mit denen man Bekanntschaft schließen sollte: Antike, Christentum, Aufklärung.
- Zur demokratiepolitischen Bildung: Was eine demokratische Republik braucht, sind staatsbürgerliche Kernkompetenzen (z.B. Verfassungswissen), nicht Moralschulungen, deren Inhalte zeitgeistigen Moden folgen. Es ist auch nicht Ziel der politischen Bildung, dass junge Wähler ganz bestimmte Parteien wählen.
- Die ständige Diffamierung der AHS ist sachlich dumm und gesellschaftspolitisch schädlich. Einerseits unterstellt man den Gymnasien „Praxisferne“ und mangelnden Gegenwartsbezug, andererseits unterstellt man ihnen karrieresichernde Elitenorientierung. Das ist an sich schon ein seltsamer Widerspruch. Niemand muss eine AHS besuchen, um Karriere zu machen. Dieser Schultyp leistet etwas anderes, das seinen Eigensinn ausmacht.
- Das Prinzip „Messbarkeit von Bildung“, das zu dominant geworden ist, wäre kritisch zu hinterfragen.