20.01.2026

Dr. Christine Friedrich-Stiglmayr

Kulturanthropologin

Schule primär als Betreuungs- oder Aufbewahrungsort für Kinder und Jugendliche zu sehen – und dies häufig ohne Leistungsanspruch – ist zu kurz gedacht und langfristig wenig nachhaltig. Wenn wir eine ganzheitlich gebildete Gesellschaft wollen, deren Grundlage Werte, Verantwortung und soziale Reife sind, dann benötigen wir geeignete Formen der Sozialisation von Kindheit an. Der Grundstein dafür wird im Elternhaus gelegt. Wie wesentlich diese soziale Dimension zu einer stabilen Gesellschaft beiträgt, ist vielen Eltern nicht bewusst.  

Ich sehe Schule im herkömmlichen Sinne künftig vor allem für den Erwerb der Grundkompetenzen zuständig. Welche Kompetenzen genau darunterfallen, ist noch zu definieren – sicher umfasst es jedoch mehr als sinnerfassendes Lesen, Schreiben und Rechnen. Nach dem Erwerb dieser Grundkompetenzen kann es zwei Wege geben: Entweder besucht man weiterhin eine Schule in traditioneller Form, oder man entscheidet sich für einen individuellen Weg der Wissensaneignung – mit oder ohne Lernbegleitung, in einzelnen oder in mehreren Fachbereichen. 

Die digitale Welt mit unzähligen, flexibel abrufbaren Lehrinhalten sowie die KI mit ihren zu erwartenden Weiterentwicklungen haben das Potenzial, das herkömmliche Schulmodell grundlegend zu erweitern. Für die Bildung der Zukunft braucht es mehr als die institutionalisierte Wissensvermittlung durch staatliche Einrichtungen, in denen Lernende – ungeachtet ihrer individuellen Fähigkeiten – über Jahre hinweg körperlich anwesend sein müssen. Ab einem bestimmten Bildungsgrad wird die Anwesenheitspflicht zunehmend freiwillig oder sogar obsolet. 

Bildungswege werden sich individualisieren, auch wenn freie Wissensaneignung sich nicht für alle eignet, aber für viele wird sie der beste Weg sein, um Potenziale zu entfalten und nutzbar zu machen. Deshalb muss es möglich werden, Prüfungen in einem Fach abzulegen, ohne zuvor eine bestimmte Zeit in einer Schulklasse oder einem Hörsaal verbracht zu haben.  

Die große Chance der Zukunft liegt in der Anerkennung eines freien Erwerbs von Wissen und Kompetenzen. 

Anders verhält es sich mit der Feststellung und Zertifizierung dieser Kompetenzen. Nachweise über erfolgreich erworbene Kenntnisse müssen zentral verwaltet und auf klar definierten Inhalten und Standards beruhen.  

Die Art und Weise, wie man sich Wissen aneignet, ist frei – der Nachweis, dass man es erworben hat, bleibt geregelt. 

Die Schule als Ort der Wissens- und Kompetenzvermittlung und die Rolle der Lehrkräfte bleiben bestehen und werden auch weiterhin für viele Lernende attraktiv und sinnvoll sein. Ergänzend dazu braucht es hochqualifizierte Lernbegleiter, die unabhängige Lernwege fördern. Diese Lernbegleitung sollte frei wählbar aus einem Pool von intellektuell gebildeten Personen erfolgen – ein Modell, das Forschung und Wissenschaft auf neue Weise beleben könnte. 

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