01.12.2025
Are we ready for EU Inc.?
Europa ist ein Binnenmarkt. Aber wer als Unternehmen in Europa wirklich wachsen will, merkt schnell: Der Binnenmarkt endet oft dort, wo die Praxis beginnt. Spätestens bei der Expansion in ein zweites oder drittes EU-Land kommen neue Gesellschaftsformen, neue Regeln, neue Behördenwege – und ein administratives Patchwork, das Zeit, Geld und Nerven kostet.

Das ist nicht nur ärgerlich. Es ist strategisch gefährlich. Denn während in den USA oder Teilen Asiens junge Unternehmen schneller skalieren, wird Wachstum in Europa häufig zuerst zur Papierfrage. Und wo Skalierung schwierig ist, wandern Talente, Kapital und manchmal ganze Firmensitze dorthin ab, wo es einfacher ist.
Genau an diesem Punkt setzt die Idee der EU Inc. an – oft als „28. Regime“ bezeichnet.
Was bedeutet „EU Inc.“ konkret?
Die EU Inc. ist die Idee einer paneuropäischen, einheitlichen Unternehmensrechtsform, die in der gesamten EU gleich funktioniert – freiwillig und zusätzlich zu nationalen Rechtsformen. Der Begriff „28. Regime“ beschreibt dasselbe Prinzip: Neben den 27 nationalen Regelwerken gäbe es ein einheitliches europäisches Regelwerk, das Unternehmen wählen können, wenn sie grenzüberschreitend wachsen wollen.
Wichtig ist dabei, was EU Inc. nicht ist: kein Angriff auf nationale Rechtsstaatlichkeit, keine „Abkürzung“ an Standards vorbei, kein ideologisches Projekt. Sondern ein pragmatisches Angebot: Wer über Grenzen hinweg skaliert, soll nicht jedes Mal von vorne beginnen müssen.
Warum ist das so relevant?
Eine EU-weite Rechtsform kann mehrere Engpässe gleichzeitig adressieren:
-
Skalierung ohne Rechtsbruchstücke: Expansion in andere EU-Länder wird einfacher, weil das Grundgerüst gleich bleibt.
-
Mehr Rechtssicherheit für Investitionen: Einheitlichere Strukturen senken Transaktionskosten und erhöhen Planungssicherheit.
-
Bessere Mitarbeiterbeteiligungen: Gerade für Start-ups und Scale-ups sind Beteiligungsmodelle entscheidend, um Talente zu halten.
-
Wachstumskapital leichter mobilisieren: Kapitalmärkte funktionieren besser, wenn Strukturen vergleichbarer werden.
-
Weniger Reibungsverluste, mehr Tempo: Nicht „weniger Verantwortung“, sondern weniger unnötige Komplexität.
Das ist ein zentraler Punkt: Es geht nicht darum, Regeln abzubauen, sondern sie so zu gestalten, dass sie Innovation nicht ausbremsen, sondern geordnet ermöglichen.
Die Diskussion am Campus Tivoli: „Are we ready for EU Inc.?“
Bei unserer Veranstaltung am Campus Tivoli wurde diese Idee in der Paneldiskussion „Are we ready for EU Inc.?“ sehr greifbar. Mit dabei waren Elisabeth Zehetner (Staatssekretärin für Start-ups), Hannah Wundsam (AustrianStartups), Markus Lang (Speedinvest) und Gernot Blümel, moderiert von Martin Pacher (Brutkasten).
Diskutiert wurden nicht nur Chancen, sondern auch die Designfragen, die politisch beantwortet werden müssen:
-
Soll EU Inc. nur für Start-ups gelten oder auch für Scale-ups?
-
Wie gestaltet man Standards, ohne neue Komplexität zu schaffen?
-
Welche Auswirkungen hätte das auf Steuern, Arbeitsrecht, Beteiligungsmodelle?
-
Und wie können Regulatory Sandboxes helfen, Innovation kontrolliert zu testen, bevor sie endgültig reguliert wird?
Gerade dieser Sandbox-Ansatz ist interessant, weil er Verantwortung und Geschwindigkeit verbindet: Innovation wird nicht blind freigegeben, aber auch nicht vorschnell erstickt.
Warum das auch für Österreich zählt
Für Österreich ist das keine Randdebatte. Ein EU-weit skalierungsfähiger Rahmen kann dazu beitragen, dass mehr Unternehmen hier gründen, hier wachsen und hier Arbeitsplätze schaffen – ohne beim Schritt ins Ausland in bürokratische Stolperdrähte zu geraten. Österreich kann von klaren europäischen Spielregeln profitieren, wenn sie Qualität und Rechtsstaatlichkeit mit Tempo verbinden.
Unser Auftrag: Zukunftspolitik entscheidungsfähig machen
Gemeinsam mit dem Wilfried Martens Centre for European Studies arbeiten wir daran, Zukunftsprojekte zu entwickeln und Awareness zu schaffen, damit politische Entscheidungsträger die richtigen Entscheidungen treffen. EU Inc. ist dafür ein Beispiel: konkret genug, um umgesetzt zu werden – und groß genug, um Europas Wettbewerbsfähigkeit spürbar zu stärken.
Denn am Ende ist die Frage simpel:
Wollen wir, dass Europas beste Ideen hier zu europäischen Champions werden – oder dass sie anderswo groß werden, weil es dort leichter ist?
EU Inc. ist nicht die einzige Antwort. Aber es ist ein realistischer Schritt, um Europas Binnenmarkt endlich so zu organisieren, wie er am Papier längst existiert: gemeinsam, skalierungsfähig und zukunftsorientiert.

